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Legalize a Cappella! Stürmisch gefeierter Abend mit Basta im KUKI / Stehgreifzugabe
14.07.2017

 „Es wird Zeit für etwas Unerreichbarkeit.“ Mit dieser Ansage eröffnete Basta am vergangenen Freitag den A-Cappella-Abend im KUKI.

 

 „Gut zwei Stunden ohne Klicken, ohne Wischen, Ziehen, Swipen, Liken, auf den Bildschirm blicken“ waren angesagt – und das nahm das rund 320köpfige Publikum wörtlich: Schließlich hatte es keine Hand mehr frei, begann es doch bereits bei diesem Einstiegslied mit dem Mitklatschen.
Auch die Männer übrigens, für die das Quintett gleich nach dem Eröffnungssong eine Runde Mitleid spendete. Schließlich seien die meisten Basta-Fans weiblich, die Männer oft „nicht ganz freiwillig dabei“. Für sie – und „den Herrn aus der dritten Reihe“ - sangen die fünf Musiker „Schön, dass Du gekommen bist, auch wenn es gegen Deinen Willen ist.“ Der Kontakt zum Publikum: Vom ersten Moment an ist er da, William Wahl als Songschreiber erklärt das ganz entspannt: „Wenn man auf die Bühne kommt, singt man  mit einer Hirnhälfte, mit der anderen checkt man das Publikum.“ Der Check dürfte in Schlüchtern bei ihrem nunmehr ersten Auftritt, spontan positiv ausgefallen sein: Gelächter und Applaus reichten schon eingangs an die Lautstärke der musikalischen Vorträgen heran.

 Diese widmeten sich thematisch einem Kaleidoskop vergleichbar schlaglichtartig den Erlebnissen des Alltags, insbesondere die Lieder der jüngsten CD „Freizeichen“ kamen zu Gehör: Da ging es um den Kanarenurlaub von William, an den dieser sich als „Sodom und Gomera, es geht immer noch was ordinärer“ erinnerte. Um „blanken Hass auf Gute-Laune Musik“, wenn der Ohrwurm nachts das Einschlafen verhindert. Berühmt werden heute? „Früher musstest Du richtig was reißen, Amerika entdecken oder so. Heute reicht eine Lebensmittelunverträglichkeit“, diese These führte zum Song „Laktosetolerant“. Und auch das Älterwerden wurde thematisiert: „Mit Anfang 20 haben wir von einem eigenen Starschnitt in der Bravo geträumt, heute von einem CD-Tipp in der Brigitte Woman.“ Vom Frühstück-Fetischismus, der ersten eigenen Putzfrau, einem „Liebeslied an alle Männer“ - die drei Tenöre William Wahl, Werner Adelmann und René Overmann, Bass Arndt Schmöle und der neue Bariton Hannes Herrmann wechselten sich mit den Hauptstimmen ab und brachten neben dem Gesang auch eine beeindruckende tänzerische Leistung auf die Bühne.

 Und sie plauderten in Kumpelmanier von ihren Eindrücken vom Gastort. Er selbst sei ja auch extrem „Schlüchtern“, betonte da Hannes, dessen im Vergleich zu seinen Musikerkollegen noch junges Alter immer wieder Anlass zu Späßen auf beiden Seiten lieferte. Eine „Woche Kegeln in Sterbfritz“ werde als Urlaubsplan in Erwägung gezogen, die heimische Eisdiele durfte ein dickes Lob für sich verbuchen – und das angeblich fehlende Handynetz in Schlüchtern brachte William Wahl zur Schlussfolgerung: „Wenn man hier wohnt, weiß man, man muss ein Satellitentelefon haben.“

 Fünf Männer – der Eindruck im Publikum: Das steht ein ganzes Orchester auf der Bühne, so eindrucksvoll und exakt waren die Darbietungen. Da wurde gesummt, gesurrt, gepfiffen – das ganze Spektrum möglicher Töne schien den Musikern zur Verfügung zu stehen. Neben den humorvollen Tönen zählten auch Balladen zum Repertoire: „50 Dinge“ beispielsweise, eine 2007 veröffentlichte Liebesgeschichte, oder das Lied von „Buhne 4“, eine bitter-süße Erinnerung an eine gemeinsame Zeit am Strand. Und dann wieder stimmungsvoll und lustig wie bei „Nachkommen“, in dessen Refrain sich ein Tee-Kesselchen versteckt: „Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen. Du solltest vorfahrn, denn wir werden Vorfahrn...“ Reggae, Shanty, Tango – ein breites Spektrum an Rhythmen kam auf die Bühne, „YMCA“ von den Village People – die „dämlichen Texte von den Dorfleuten“ also – wurden auf Deutsch „noch viel blöder“ zu „Ich hab ADHS“. Und als schließlich René Overmann in typischer Grönemeyer-Marnier als Zugabe den Text zu Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ parodistisch daher stammelte, da war nach fast zweieinhalb Stunden die Stimmung in der Stadthalle am Kochen.

 Mit stehendem Applaus und langanhaltendem Beifall sorgten die Gäste für eine zweite Zugabe, bevor die fünf Musiker im Foyer an ihrem Merchandise-Stand noch für weitere Fragen zur Verfügung standen. Und sogar noch eine kleine Zugabe gänzlich unplugged herausrückten: „For the longest time“ belohnte die Gäste, die nach Konzertende noch bei den Künstlern verweilten. Am Ende waren sich sicher alle einig „Legalize a cappella“, wie dies musikalisch zwischenzeitlich von Basta gefordert und mit synchronem Armschwung der Gäste unterstützt worden war – eine solche Forderung kann man als Gast nach einem solch gelungenen Abend nur unterstützen.

 

 
Letzter Tango in Schlüchtern / Ute Lemper verführte Publikum und Bürgermeister mit Stimme und Strahlkraft
30.06.2017

Wenn ihm da nicht abwechselnd heiß und kalt geworden ist: Zum ersten Mal in seiner noch jungen Amtszeit empfängt Schlüchterns Bürgermeister Matthias Möller einen Weltstar in der Bergwinkelstadt. Und die zweifelsohne als Frau wie als Sängerin höchst faszinierende Ute Lemper hat diebische Freude daran,  den ohne weibliche Begleitung erschienenen Möller in ein laszives Katz-und-Maus-Spiel zu verwickeln. Das Publikum in der ausverkauften Stadthalle verfolgt diesen Bühnenflirt mit Entzücken.

Die Lemper ist eine Sirene im schwarz schillernden, hautengen Abendkleid und offenbar hat sie es darauf angelegt, dass des Bürgermeisters Schiffchen heute an ihren Klippen zerschellt. Für 90 Minuten ertönt ihr Lockruf und weckt mehr als eine Ahnung  vom Glanz der großen weiten Welt – und von dem Universum, das Ute Lemper heißt.  Die geborene Münsteranerin Ute Gertrud Lemper ist Kosmopolitin. Sie füllt Konzerthallen rund um den Globus und lebt nach Stationen in Paris und London seit vielen Jahren in New York. Der Kuki-Verein, der seit einigen Jahren im Sommer ein hochkarätiges Kultur- und Filmfestival organisiert, hat sie nach Schlüchtern geholt. Die Lemper lässt ein kurzes Fremdeln mit der Provinz durchleuchten, doch eine nachmittägliche Rundfahrt im Elektroauto des smarten Stadtoberhaupts hat offenbar das Eis gebrochen.
Elegant und amüsant zugleich webt sie ihre kleinen Bürgermeister-Avancen in den schillernden Klangteppich ihres Programms. Mit „Last Tango in Berlin“ schlägt sie die Brücke zwischen Liedern aus den deutschen Kabaretts der 1920er und 30er Jahre, französischen Chansons und argentinischem Tango. Mit Astor Piazzolla startet sie und verwandelt sich Sekunden später in den „Blauen Engel“, der dem Bürgermeister zuraunt „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.“
Ab dem ersten Vokal greift ihre Stimme Raum, führt durch schummrige Berliner Kaschemmen an die Seine und dann hinein in die Tangobars, in denen die Luft zwischen den Tanzenden zu brennen scheint. Rau und sexy klingt sie, dann wieder sehnsüchtig und sanft. Zweifellos eine große Stimme mit beeindruckenden Phrasierungen, die sich zwischen Gossendreck und hauchzarter Poesie bewegen. „Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison“ – die singende Rotzgöre nimmt ihr das Publikum ebenso ab wie die großen Gefühle, die ihre Stimme mit Hilfe unsterblicher Chansons wie „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel oder „Avec le temps“ von Léo Ferré beschwört.
Mit Victor Villena am Bandoneon und Vana Gierig am Flügel klappt die Kommunikation mindestens ebenso gut wie mit dem Bürgermeister. Die beiden Musiker sind der Wind in den Flügeln der Sängerin.
Ute Lemper verkörpert, was sie singt. Und die vielleicht zartesten und zerbrechlichsten Stellen offenbart sie, als sie ein Lied aus einem litauischen Ghetto intoniert. Auf Jiddisch. Ein Moment, in dem viel Trauer mitschwingt, aber auch eine Ahnung jener Heiterkeit, die in der Hoffnung auf Freiheit liegt.
Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen für ein intensives Konzerterlebnis. Und Bürgermeister Matthias Möller bereitet sich auf den Höhepunkt des Abends vor: Last Tango in Schlüchtern.


 
Frühpensionierung als Rettungsgasse
21.06.2017

Schlüchtern. „Ich bin Scheitern gewohnt. So sieht eine Verkettung von Fehlentscheidungen aus. So sieht halbtags aus. So sieht Leben am Korrekturrand der Gesellschaft aus.“
Herr Schröder, bürgerlicher Name Johannes Schröder, spart nicht an Selbstironie. Der studierte Deutschlehrer, dessen Programm „World of Lehrkraft. Ein Trauma geht in Erfüllung“ am vergangenen Mittwoch zahlreiche Pädagogen, aber auch andere Gäste ins übervoll besetzte KUKI-Zelt lockte, hat seine Berufserfahrungen in einem Comedy-Programm verarbeitet. Passenderweise wurde dieses durch das typisch penetrante Klingeln einer Pausenglocke eingeleitet – nachdem Heide Buhmann für die Veranstalter zunächst angesichts der abendlichen Temperaturen und unter dem Gelächter der Gäste „Hitzefrei“ verkündet hatte.
Denn heiß war es im KUKI-Zelt, trotz geöffneter Seitenwände und zusätzlich draußen aufgestellter Bestuhlung. Was Herrn Schröder nicht daran hindert, in der für ihn typischen Bekleidung auf der Bühne und im Scheinwerferlicht zu erscheinen: Braune Cordjacke, hellblaues Hemd über einer leichten Bauchwölbung, dunkelblaue Jeans, braue Lederschuhe. „Wir haben hier intuitiv die richtige Klassenzimmer-Atmosphäre nachgestellt: Halb dunkel, kein Sauerstoff“, flachste Herr Schröder gleich eingangs. Schon die lebhafte Begrüßung aus dem Publikum spiegelte ihm die Realität nicht glaubwürdig genug wider: „Gedehnte Stirb-langsam-Stimmen“ wollte er da hören, die Zurufe „Geh nach Hause“ und „Du Opfer“ wurden vergeben, den Männern über Vierzig „Urwaldgeräusche“ abverlangt, den Frauen „diese typische, nonverbale Geringschätzung“ – und dann war das Umfeld bereit für ein zweistündiges Potpourri an Anekdoten, Klischees und Erlebnissen rund um den Beruf des (Deutsch-)Lehrers.
Schröders Berufskollegen hatten einen beträchtlichen Anteil am Publikum, sie wurden deshalb auch gleich mittels „Schmerzreaktionstest“ nach eigenen Erfahrungen mit dem Sujet befragt: Inhaltsangabe? Stöhnen. Texterörterung? Mehr Stöhnen. Zwischen den Zeilen lesen? DA STEHT NIX!!! Gipfel der gefühlten Katastrophen: Bundesjugendspiele...
Spannend für Schröder dagegen die Elternsprechtage: „Ich möchte schon mal die Leute kennenlernen, die die ganzen Hausaufgaben und Referate anfertigen.“ Gejohle unter den Gästen, das auch nicht endete, als zu den Klängen von „Je t´aime ein typisch gelbes Reclamheftchen Liebkosungen erfuhr – und die Frage im Raum stand: „Wie hat wohl das Brainstorming ausgesehen, als das Cover-Layout festgelegt wurde? Die schwarze Schrift: Crazy! Und damit das so richtig krass wird, machen wir das alles in Times New Roman!“ Lieblingssujet des Comedian: Die Wirrungen der deutschen Sprache: „Wieso heißt es: Der Löffel, aber die Gabel?“ Und von Buh-Rufen begleitet: „Natürlich heißt es: Die Einparkhilfe. Die Entscheidungsschwäche.“ Prompt eine Replik aus dem Publikum: „Der Unsinn.“
Überhaupt die Interaktion: Da wird das Publikum zur Schülerschaft erklärt, Klassensprecherinnen werden ausgedeutet, Single Schröder kommt ins Flirten – und muss zugeben, dass „die 10A mich mit dem Geld ihrer Klassenkasse bei Elite-Partner angemeldet hat – als Premium-Partner. Und auch gleich den Text geschrieben hat: Vergilbtes Löschpapier im Buch des Lebens sucht frischen Tintenklecks zum Aufsaugen...“ Wobei Schröder („Der Augenschmaus im Dunkelrestaurant“) es schon für wichtig hielt, auch auf seine Liebhaberqualitäten hinzuweisen, die „die gattungsspezifischen Eigenschaften einer Kurzgeschichte“ aufwiesen. Unterstützt von Fachkollegin Anke aus dem Publikum erläuterte Schröder diese: „Direkter Einstieg, unvermittelt eintretendes Ende – und meist nur eine Hauptperson...“
Sei es die „objektive Notenvergabe direkt nach den Namen“, bei der „das ganze Cholerikum“ sich einig sei, pädagogische Härtefalle, Ausflüge als „pädagogischer Spülwaschgang“, der Umgang mit Euphemismen und Abkürzungen – mit seinen pointierten Anekdoten traf Johannes Schröder ganz offenkundig den Nerv seiner Berufskollegen, denen er für die Zukunft Mut machte: Die „Frühpensionierung als Rettungsgasse aus dem Papierstau des Lebens“ sei eine Option. Denn an Frustrationspotential mangele es nicht: Da ist der Sportlehrer als „Körperwelten-Plastinat“ und „bildungsferne Spaßgurke aus der Turnhalle“, die Kopierer, „die schon kaputt an die Schulen ausgeliefert werden“, die „scheckheftgepflegten Kinder“, für die die Mutter nachfragt, ob „die Nuss-Allergie nicht bei der Notenfindung berücksichtigt werden“ könne.... Und trotz allem „95 Prozent der Lehrer sind glücklich mit ihrem Beruf – sagt eine Forsa-Umfrage für die Monate Juli und August.“ Drei Zugaben, ein durchgeschwitztes Hemd – das hat Johannes Schröder in seiner Schullaufbahn so sicher nie erlebt....